Sie sind vermutlich noch nicht im Forum angemeldet - Klicken Sie hier um sich kostenlos anzumelden  
Leben mit der Krankheit Krebs

Leben mit der Krankheit Krebs
Ein Forum und Infoportal für Betroffene, Angehörige und Interessierte


Sie können sich hier anmelden
Dieses Thema hat 0 Antworten
und wurde 409 mal aufgerufen
 Nachrichten - Kinder (alle Krebsarten)
Ahasveru Offline

Administration Forum

Beiträge: 613

07.04.2006 08:48
49-Jähriger begleitete seine krebskranke Frau bis zu ihrem Tod antworten

49-Jähriger begleitete seine krebskranke Frau bis zu ihrem Tod

Kiel – Liebe kennt viele Gesichter. Markus Holt (Name von der Redaktion geändert) hat wohl die schwerste Prüfung bestehen müssen: Der 49-Jährige begleitete seine Frau bis zu deren frühen Tod im Januar dieses Jahres. Und doch, sagt er heute, gab es auch glückliche Momente. Holts Schilderungen über den Leidensweg seiner Frau, der vor zehn Jahren begann, gehen manchmal quälend ins Detail: Wie tief der Schock saß, als die damals 36-jährige Mutter von zwei kleinen Söhnen (zwei und vier Jahre alt) erfuhr, an Kehlkopf-Krebs erkrankt zu sein, obwohl sie nicht rauchte und kaum Alkohol trank, die anschließenden Operationen, belastenden Bestrahlungen, Chemo-Therapien und als "letzten Strohhalm" eine neue Immun-Therapie.

Was sie beide über die Jahre aufrecht hielt, das, meint der Agrarwissenschaftler im Rückblick, waren vor allem ihre Kinder, aber auch ihrer beider Neigung, Krisen über den Verstand zu bewältigen: sich der Krankheit mit jeder Art von Informationen zu nähern, um sie in den Griff zu bekommen. "Sie hat nicht aufgegeben und gekämpft", sagt Holt leise, während seine Augen feucht werden.

Als kurz nach der Diagnose der Kehlkopf entfernt werden musste, war ihre alte Stimme weg. Das eingesetzte Ventil, das die Luft- mit der Speiseröhre verband, ließ sie bis zu zwei Oktaven tiefer reden. Ein besonders schöner Moment, erinnert sich der Witwer und lächelt dabei, war, als seine Frau ihn kurz nach der Kehlkopf-Operation von der Klinik aus anrief und ihn mit ihrer neuen Stimme überraschte.

Auch wenn sie bestrahlt werden und sich über die Tracheal-Kanüle verständigen musste: Sie zog sich nicht zurück und erlebte 1997 die Urlaubswanderungen auf Madeira als "Teststrecke fürs Leben". Mehrere Jahre lang arrangierte sich die Familie mit der Krankheit. Ein verständnisvoller Arbeitgeber ermöglichte dem Mann, viel zu Hause zu arbeiten und sich dabei um seine Frau und die Kinder zu kümmern, weil andere Angehörigen nicht in der Nähe leben. Und Freunde? Manche zogen sich zurück, wohl aus Unsicherheit. Dafür seien ihnen andere zur Seite gesprungen, von denen sie es nicht erwartet hätten. Er selbst lernte, Dinge zu relativieren, etwa dem Beruf nicht mehr einen so hohen Stellenwert zuzuordnen.

Ende 2002 traten bei Holts Frau plötzlich starke Schluckbeschwerden auf: Der Krebs hatte die Speiseröhre befallen. Kieler Ärzte gaben ihr kaum noch Hoffnung, doch die Naturwissenschaftlerin gab nicht auf: Lübecker Ärzte ersetzten das befallene Stück Speiseröhre durch einen Hautlappen. Obwohl dies bedeutete, dass Holts Frau sich zum Teil über eine Magensonde ernähren musste, die Hautverpflanzungen Narben hinterließen und sie durch Komplikationen geschwächt war: "Wir sind uns noch näher gekommen", sagt Holt dazu nur – eine schlichte Aussage, die nur erahnen lässt, wie stark die Liebe gewesen sein muss, um das zermürbende Hoffen und Bangen ertragen zu können.

Eine Fistel am Hals, die sich ab Sommer 2005 nicht mehr schloss, war das erste Zeichen, dass das Ende nahte. "Ich sah dem Tumor zweimal am Tag, wenn ich sie verbinden musste, ins Auge", erzählt er. Und noch etwas musste er sich täglich anschauen: Seine Frau, 165 Zentimeter groß, verfiel sichtlich, magerte auf 43 Kilo ab. Obwohl es keine Aussicht auf Heilung gab, hielt sie ihr starker Wille aufrecht und sie bestimmte, zu Hause bleiben.

Doch "wir wurden müder", erinnert sich ihr Mann. Am zweiten Weihnachtstag lag sie voll gepumpt mit Schmerzmitteln im Bett. Es war in Holts Erinnerung trotzdem ein harmonischer Tag, die Eltern und Geschwister mit ihren Kindern waren ebenfalls da, gingen nacheinander ins Schlafzimmer und sprachen mit ihr. Seine Frau wollte nicht auf die Palliativstation in Kiel, doch am Ende dieses Tages war "klar, dass wir die Pflege nicht mehr allein bewältigen können, zumal der Tumor auf das Rückenmark überzugreifen drohte", sagt Holt.

Auf der Station fühlten sich beide gut aufgehoben. Doch als sie nach vier Wochen ins Koma fiel, kümmerte er sich fast nur noch um die Kinder. Es kam der Naturwissenschaftler durch, der wusste, dass er wohl nichts mehr bewirken und kaum noch den Anblick seiner so schwer gezeichneten Frau ertragen konnte. Als Dr. Dieter Siebrecht ihn vom Tod seiner Frau benachrichtigte, mischte sich deshalb in den unerträglichen Schmerz auch Erleichterung.

So viel hatten sie abgesprochen, aber nicht, dass Holt ihr das Hochzeitskleid für die Beerdigung aussuchen würde. Er kam ins helle Zimmer in der Palliativstation, sah sie im Bett liebevoll aufgebahrt zwischen Rosenblättern, am Fenster stand eine Laterne mit brennender Kerze: "Sie haben sie über ihren Tod hinaus respektvoll behandelt". Die Details der Beerdigung auf ihrer Heimatinsel Sylt hat er verdrängt. Im Rückblick findet er es "erstaunlich", welche Kräfte er in den Jahren der Pflege aufbringen konnte. Jetzt helfen ihm seine "tollen Söhne" dabei, nach vorn zu schauen.

Von Martina Drexler

Informationsquelle: http://www.kn-online.de/news/regional/kiel.htm/1837194


 Sprung  

counter
Impressum und Haftungsausschluss - Hinweis zu den Informationen hier

Xobor Forum Software von Xobor | Forum, Fotos, Chat und mehr mit Xobor