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Leben mit der Krankheit Krebs

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29.03.2006 07:20
Leukämie: Feintuning für die Körperabwehr antworten

Feintuning für die Körperabwehr

Von Edda Grabar

Die 30 Schwerkranken im Zentrum für Knochmarktranplantationen des Hamburger Uniklinikums Eppendorf (UKE) sind Pioniere. Unter der Obhut von Axel Zander, dem Leiter des Zentrums, erproben sie gerade einen völlig neuen Therapieansatz – ein medizinisches Experiment mit unwägbarem Ausgang.

Zanders Patienten leiden an Leukämie. Nach der Behandlung mit der einzig heilenden Therapie, der Transplantation von Blutstammzellen, entwickelten sie eine gefürchtete Komplikation, die Graft versus host-Krankheit (GVA) – Transplantat gegen Wirt. Sie ähnelt den Abstoßungsreaktionen bei Organverpflanzungen. Nur akzeptieren in diesem Fall, die gespendeten Zellen ihren neuen Körper nicht und lösen einen qualvollen Schwelbrand im Körper aus. „Sie verursachen bösartige Blutungen und Entzündungen im Magen-Darm-Trakt und auf der Haut“, beschreibt Zander, „bis hin zu Verbrennungen.“

So genannte mesenchymale Stammzellen sollen die Schwerkranken nun von ihrem Leiden befreien. Die Urzellen aus Knochenmark und Leber haben sich abseits der Diskussionen um das mögliche Potenzial embryonaler Stammzellen und des therapeutischen Klonens zu einer hoffnungsbesetzten Option für Ärzte und Patienten entwickelt. In ihnen scheint die Kraft zu liegen, Organe zur Selbstheilung zu stimulieren, sie wirken entzündungshemmend und lindern ungewünschte Antworten der Körperabwehr. Nun sollen diese Zellen die Attacken der gespendeten Blutzellen verhindern und die Kranken von den verheerenden Nebenwirkungen der Behandlung befreien. Aber auch Patienten die an den schwersten Formen Multipler Sklerose oder Rheuma leiden, könnten in einigen Jahren von ihnen profitieren.

Im Blut patrouillieren die Wachposten des Immunsystems: Neutrophile Granulozyten machen etwa 40 bis 50 Prozent der weißen Blutkörperchen aus, also jenen Zellen die beim Blutkrebs entarten. Sobald der Körper eine Infektion meldet, schwärmen sie aus, um die Eindringlinge zu vernichten. Unterstützt werden sie von den Killer- und Fresszellen, die ebenfalls Erreger aber auch Tumorzellen zerstören. In einem zweiten Schritt alarmieren sie die Lymphozyten, – die ebenfalls zu den weißen Blutkörperchen gehören – und liefern ihnen die nötigen Informationen, so genannte T-Zellen zu bilden, die sich auf den jeweils angreifenden Feind spezialisieren.

Dieses ausgeklügelte System schützt Gesunde vortrefflich vor Viren, Bakterien und anderen Fremdstoffen. Bei einigen Menschen jedoch gerät es außer Kontrolle. Mit Vehemenz richten sich die Abwehrzellen gegen den eigenen Körper, lösen Entzündungen an Gelenken, Organen oder Nerven aus. Schlimmer noch leiden Menschen, die an GVA erkranken, weil bei ihnen nicht nur bestimmte Gewebe, sondern der gesamte Körper bekämpft wird. Nur bei etwa fünf Prozent der Leukämie-Kranken wollen Blut und Körper nicht zu einander passen. Zu ihnen aber gehören jene Patienten, die nun bei Zander auf der Station liegen, deren Hoffnung auf Heilung bitter enttäuscht wurde.

Die Kraft der mesenchymalen Stammzellen soll ihnen jetzt helfen. „Es handelt sich dabei nicht um identische Zellen, sondern um Familie aus verschiedenen Typen“, sagt Alan Tyndall, Leiter der Rheumatologische Universitätsklinik Basel. In den letzten zehn Jahren arbeitete Tyndall in einer internationalen Zusammenarbeit, die Blutstammzellen auch bei Menschen einsetzen, die an Autoimmunerkrankungen leiden. Derzeit erforschen er und seine Mitarbeiter, wie mesenchymale Stammzellen auf die Körperabwehr einwirken.

Treten irgendwo im Körper Wunden oder Verletzungen auf, werden die Stammzellen scheinbar „magisch angezogen“, wie Tyndall sich ausdrückt – und übernehmen dort sowohl entzündungshemmende Wirkung. Axel Zander vermutet, dass Interferon, ein Abwehrstoff des Immunsystems, der bei Entzündungen und Autoimmunerkrankungen eine maßgebliche Rolle spielt, den Stammzellen den Weg weist. Dort verhindern sie, dass die Lymphozyten weiter angreifende T-Zellen produzieren. „Zwei Signale benötigen die Lymphozyten, um aktiviert zu werden“, erklärt Tyndall. Die Stammzellen würden ihnen aber nur eines liefern – und das transportiert sie sicher in den Tod, es löst den Selbstzerstörungsmechanismus aus. Noch über wenigstens drei weitere Faktoren beeinflussen die Stammzellen das Immunsystem. Darunter ist auch ein Enzym, Indolamin-2,3-Desoxygenase. „Ein enorm wichtiger Faktor – allerdings nur für Frauen“, sagt der Rheumatologe aus Basel. Er verhindert, dass werdende Mütter ihr Kind als fremd erkennen und abstoßen.

Vor etwa 18 Monaten entschied sich Katharina Le Blanc vom Karolinska Institut in Stockholm, 14 Leukämie-Kranken, bei denen die Blutstammzellen-Transplantation anstatt zu heilen ins Gegenteil umgeschlagen ist, ihnen die aus ihren Knochenmark gewonnen Urzellen zu spritzen. „Bei 40 Prozent der Patienten schlug die Therapie an“, berichtet Zander. Bei ihm in Hamburg läuft derzeit die „Follow-up“-Studie mit der doppelten Anzahl an Patienten.

Auch Tyndall hofft, dass sich die positiven Erfahrungen bestätigen lassen. Inzwischen versucht man auch Menschen, die an schwerstem Rheuma, Multipler Sklerose oder anderen Erkrankungen leiden, durch eigene Blutstammzellen-Transplantation, dem „Neustart der Körperabwehr“, wie es Alan Tyndall nennt, zu heilen. „Bisher wurden etwa 800 wirklich kritisch schwer kranke Menschen, bei denen sich das Abwehrsystem gegen den eigenen Körper gerichtet hat, wie Leukämie-Patienten behandelt“, so Tyndall. Jedoch zeigten nur ein Drittel der Patienten einen zufriedenstellenden Krankheitsverlauf, die anderen sind wieder auf ein Arsenal immundämpfender Medikamente angewiesen. Sollte sich aber die Therapie mit den mesenchymalen Stammzellen als erfolgreich erweisen, würden Patienten, bei denen das Abwehrsystem entgleist, weitaus mehr profitieren als die Leukämie-Kranken. „Mesenchymale Stammzellen werden vom Körper nicht als fremd erkannt – vielleicht kann man einmal auf diese Art das Immunsystem von Rheuma- und MS-Kranken erfolgreich ummodellieren“; so Tyndall. Die ersten Ergebnisse aus Tierversuchen machen ihm Hoffnung, „Untersuchungen an Menschen stehen jedoch noch aus“.

Informationsquelle: http://www.heise.de/tr/artikel/71376

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